The Time is now – proud trifft Westbam

von Daniel Penk


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Westbam spielt live im Weekend am 18.10.2013 auf der proud Icons Party. Mehr Info auf www.abend.net

Kein anderer DJ wurde im Laufe der Jahre so kontrovers diskutiert wie Westbam. Als Anführer der “Raving Society” brachte er Techno aus dem Underground auf die Straße und dann in die Charts. Die Nähe zum Feuilleton konnte der ehemalige Low Spirit Chef jedoch immer bewahren, Künstler wie Benjamin von Stuckrad-Barre und Rainald Goetz suchten seine Nähe. Letzterer verfasste sogar ein Buch mit ihm zusammen. Das Kunstwerk “Westbam” ist ambivalent und schwer zu fassen. Für die einen ist er der Techno-Messias, für die anderen ein Relikt aus der Zeit, als Tarnwesten und Trillerpfeifen in Clubs der heiße Scheiß waren. Die schillernde Rave-Vergangenheit überstrahlt so manches Mal das Gesamtbild des ehemaligen Low-Spirit Labelchefs, der 1987 als erster deutscher DJ in einem DMC Finale stand. Zum 30jährigen DJ Jubiläum und seiner neuen Platte “Götterstraße” traf ich ihn in Berlin und versuchte mich, dem Phänomen Westbam zu nähern. Das mediale Interesse an “Götterstraße” ist immens, vor mir gaben sich schon die Kollegen vom Spiegel, die Groove und das Vice-Magazine die Ehre. Eines wurde sehr schnell klar: die Schubladen müssen zu bleiben. Maximilian Lenz agiert aus seinem ganz eigenen Mikrokosmos heraus, der zwar viele Musikstile und Generationen vereint, aber nicht klar zu fixieren ist. Der Raverpapst, der keiner sein will. Und mal eben Kanye West und Lil Wayne aus dem Hut zaubert.

Dein neues Video “You need the Drugs” zeigt die Clublandschaft vor der Wende. Hast du bewußt eine Hommage an diese Zeit gewählt?

Diese Zeit hat mich sehr geprägt. Berlin bedeutete einen Wendepunkt in meinem Leben. 1979 bin ich zum ersten Mal mit meinem Kumpel Bleckmann von Münster nach Berlin gefahren. Wir waren damals Teil der doch sehr überschaubaren Punkrockszene in Münster; wenn nicht sogar die Einzigen (lacht). Da standen wir also am Bahnhof Zoo und eine Sache ist mir bis heute im Gedächtnis geblieben: An uns liefen ein paar ältere Damen vorbei und sie drehten sich nicht nach uns um. Das wäre in Münster unddenkbar gewesen. Das war das erste Mal, dass ich bewusst den Respekt und die Begeisterung für diese Stadt empfand. Hier sind also selbst die Rentner cool. David Bowie hat mal gesagt, dass er sich nie so unbeobachtet gefühlt hat wie in Berlin. Da ist was dran.

http://www.youtube.com/watch?v=eSJgf3_3T74

Das Video besteht komplett aus Originalaufnahmen. Die Kamera scheint fast unbemerkt. Wie ist das möglich?

Damals hat man versucht, es zu ignorieren. Keiner wusste so genau, wozu das diente. Ich glaube die Ungezwungenheit resultierte auch aus einer Art Unsicherheit. Man konnte es nicht zuordnen, also hat man es lieber nicht wahrgenommen.

Die Szenerie ist roh. Punkrockattitude mischt sich in den ersten Clubs zu einer impulsiven Mischung. Vermisst du das heutzutage?

Ohne Frage gab es in den 80er besondere Momente, aber bestimmte Sachen lassen sich nicht konservieren. Die Revolution ist immer der Moment des Eintritts. Die gesamte Kultur lässt sich auf Sachen zurückführen, die schon passiert sind. Die Leute, die damals Rock ‘n’ Roll bewusst erlebt haben, empfanden die Techno-Bewegung in ihrem Grundgedanken auch als etwas schon Dagewesenes. Die persönliche Sensation erlebt man nur, wenn man Teil des Ganzen ist und sie nicht von außen betrachtet. Diese “Früher war alles besser” Einstellung ist eine streng subjektive Wahrnehmung. Eine innere Lebenskurve. Das Neuland kann man immer nur einmal erreichen, alles danach fühlt sich wie eine Reproduktion an. Damit haben viele ein Problem. Ich glaube, dass die Kids heutzutage immer noch dasselbe Aha-Erlebnis haben können wie ich damals Anfang der 80er.

Wie schaffst du es, nach 30 Jahren Dj-ing, dir diese Aha-Erlebnisse zu erhalten?

Ich bin wie eine Art Vampir und kann die Freude und diesen Pioniergeist immer wieder entdecken. Wenn mir beispielsweise ein Freund einen Track zeigt, für den er mit voller Begeisterung schwärmt, dann kann ich mich soweit in ihn hineinversetzen um dieses auch zu empfinden. Diese Fähigkeit hilft mir auch als DJ. So kann ich Dinge immer wieder neu erleben. Vor Kurzem bin ich mit ein paar Freunden durch die Bars in Neukölln gezogen. Da waren wir also in den verschiedensten Locations, gar keine Szene Läden. Auf einer Party trugen alle Hüte als Teil des Konzepts, es wurde ein bisschen Disco gespielt und alles schien in seiner Welt für sich schlüssig. Unambitioniert, aber saucool. Eine Freude, die ich dann auch empfand. Diese Kids erleben vielleicht diesselbe Euphorie wie ich, als ich zum ersten Mal die Strickleiter im damaligen UFO heruntergeklettert bin. Oder in Penny Lanes Friseur-Salon, der natürlich keiner war und wo man hinging um mit seinen Freunden zu feiern. Penny Lane stand dann dort, es gab Acid-Bowle und wir hatten eine tolle Zeit. Eine schöne Welt für sich. So etwas gibt es auch heute noch zu entdecken.

Du hast damals als einer der ersten DJs in Berlin elektronische Musik aufgelegt. Heutzutage sind die Clubs wesentlicher Bestandteil des Gesamtkonzepts “Berlin”. Wo ging es für dich los?

Die erste House-Party war im Ex und Pop. Gabi Delgado von DAF und ich legten da zum ersten Mal eine Nacht nur House-Platten auf. Allerdings war die Auswahl noch sehr begrenzt damals und wir kamen so beide auf ca. 30 Platten, die dem Konzept entsprachen. Das bedeutete auch, dass wir die diesselben Platten einfach mehrfach spielten. Das waren zum Großteil sehr kratzige, schmutzige Sachen von Trax Records und die Leute waren nicht wirklich bereit für sowas. In der Blütezeit von Wave mit solchen Disco-Sachen zu kommen, war für viele ein Verrat.

Verrat ist ein gutes Stichwort. Es gab in deiner Karriere immer Punkte, an denen du von einigen als Verräter gesehen wurdest.

Ja, da kann man wirklich weit zurück gehen. Auch im Metropol, meiner ersten großen Residency in Berlin, habe ich schon gegen die allgemeine Erwartungshaltung gespielt. Damals lief da den ganzen Abend High Energy und ich war der Einzige, der auch Elektro in seinem Set hatte. Das mache ich auch heute immer gerne um eine Sache zu brechen. Vielleicht ist das meine alte Punkrock-Einstellung, die das immer hervorbringt. Eine bestimmte Gruppe hält sich immer an Regeln. Mich haben diese Regeln schon immer angekotzt, ich halte mich nicht an Linien. Ich erinnere mich an einen Auftritt mit DAF, wo ich mit Grasbüscheln und Dreck beworfen wurde. Das ging soweit, dass ich fast nicht mehr auflegen konnte, eine riesige Wolke aus Staub und Dreck machten die Turntables dreckig und nahezu unbespielbar. Im Nachhinein könnte man jetzt sagen: “Oh wie schrecklich, da wurdest du quasi von der Bühne gekegelt” aber im Nachhinein ist das eine positive Erinnerung. Ein selbstgewähltes Schicksal, mein Punkrock Ding.

Die Underground-Technoszene hat dir vor allem die Ravezeit übel genommen. Wie stehst du heute dazu?

Ich habe immer nach meinen eigenen Regeln gehandelt, was mich schonmal von jeder Szene entfremdet. Die Szene ist eine Art von Spießertum. Die Leute reden immer von der großen Freiheit, die sie suchen, aber was sie letztendlich wollen ist eine Heimat; stumpfsinnige, kleine, soziale Werte nach denen sie sich richten können. Sie suchen Sicherheit. Sie suchen alles was ich nicht suche. Sich einer Szene zu verschreiben, bedeutet auch immer mit der Angst zu leben, dass die Nachbarn schlecht über einen reden, wenn man sich nicht konform verhält. Das wollte ich nie. Die Ravezeit war für uns ein finanziell ungeheuer warmer Regen, doch als wir auf dem Höhepunkt waren, mit zwei ausverkauften Maydays in Folge und 240.000 verkauften Doppel-CDs der Compilation, hatte ich keine Lust mehr. Ich erinnere mich, dass Klaus Jankuhn (langjähriger Studiopartner und Wegbegleiter von Westbam; d. Red.) bei der Twin-Mayday aus der Crowd kam und sagte: “Max die stehen da alle wie Roboter und warten nur noch auf die Rave-Signale.” Das hat gegen mein Verständnis von Musik, von einer Musikbewegung, gesprochen und ich merkte, dass wir nur noch eine Dressurnummer machten. Etwas abspulten, was nach seinen ganz eigenen Regeln funktionierte. Ich hätte da jetzt weitermachen können, die Leute rissen uns schließlich die CDs förmlich aus den Händen. Was ich dann aber machte war “Terminator”. Elektro, 125 BPM. Terminator war der Verrat an der Ravesache. Ich will keinen Erfolg durch Anpassung. In England war ab diesem Moment meine Karriere beendet. Den Wechsel gingen sie nicht mit. Auch heute will ich nicht wissen, was ich nächstes Jahr mache. Aus Sicht der Markenpflege ist das sicherlich schlecht, aber es ist, wenn man so will, mein Gesamtkonzept.

Du hast dich aber auch als Popstar der Massen inszeniert. Eine meiner frühen Kindheitserinnerungen war ein Westbam beim Eurovison Song Contest, damals noch “Grand Prix Eurovison de la Chanson”.

Um einen Künstler zu verstehen, muss man ihn in seiner Welt verstehen. Meine Welt war schon immer sehr groß. Vielleicht hat es mir auch eine Zeit lang gefallen; dieser Gedanke, den DJ als Popstar zu etablieren. Die reine Tatsache, die Teilnahme am Eurovision Song Contest jedoch zu verteufeln, kann ich nicht ernst nehmen. Das Kulturkonzept wird nicht verstanden. Es wird noch nicht mal versucht. Dazu fällt mir auch VIVA auf der Mayday ein. Eine Sache, die viele sehr kritisierten. Zu dem Zeitpunkt, als es passierte, war es gut. Das ein Fernsehsender live bei einer Technoveranstaltung dabei ist. So etwas hatte man noch nicht gesehen, das hatte was Revolutionäres. Vielleicht genauso wie der DJ beim Eurovison Song Contest. In dem Moment hat es sich richtig angefühlt, sonst hätte ich es nicht gemacht. Allerdings muss ich sagen, dass es den DJ als Popstar auch zu der Zeit gab, als ich nach Berlin gekommen bin. Das war der Fetisch (jetzt: Terranova). Meine damalige Freundin Nuria gehörte zu seinem Fankreis. Er war Icon der gesamten Berliner Szene.

Ist es vielleicht auch das, was den Künstler Westbam am stärksten charakterisiert? Das Nonkonforme?

Für die eigene Karriere ist es erstmal kontraproduktiv. Die Fans erwarten, dass sie Westbam bekommen, wenn Westbam draufsteht. Für denjenigen, der sich die Mühe gibt, das gesamte Bild zu sehen, ist es die Möglichkeit ein viel weiteres Feld zu entdecken.

Und jetzt ist “Götterstrasse” gar kein Dance-Album. Schon wieder der Westbam, der alles anders macht als gedacht.

Ja und das habe ich neben ganz vielen positiven Kritiken natürlich auch zu hören bekommen. Warum singt da jetzt einer? Die Leute wollen die Schubladen und Westbam hat gefälligst ein Dance-Album zu machen. Ich wollte aber etwas Zeitloses. Ein Werk, das die verschiedenen Stimmungen der Nacht auffängt. Da gehören so viele Dinge dazu, die mit einem reinen Dance-Album gar nicht zu porträtieren wären. Schon alleine die Produktionszeit von vier Jahren ist aus heutiger Sicht wahnsinnig. Wenn man aus rein kommerzieller Sicht denken würde, müsste man die verschiedenen Richtungen der Dancemusic genau im Auge behalten und dementsprechend produzieren. Was ich aber mit diesem Album wollte, war eine dreiste, schöne Einfachheit. Transparenz ohne Mode. Wenn man so will ist die Revolution von “Götterstrasse” das Unrevolutionäre.

Selbst für Nicht-Westbam-Fans sind die Features auf “Götterstrasse” umwerfend. Kanye West, Iggy Pop, Lil Wayne um nur einige zu nennen. Einfache Frage: Wie hast du das gemacht?

Das habe ich meinem Team zu verdanken. Ich habe zwar immer schon mal einen Gedanken zu Features geäußert, aber letztendlich in die Tat umgesetzt hat es vor allem Guido, der auch bei uns im Studio sitzt. Gerade bei den US-Hip Hop Stars ist das natürlich eine langwierige Angelegenheit. Die haben einen Status, der schon fast nicht mehr zu fassen ist. Die verkaufen 15 Millionen Platten und haben in Ländern, in denen sie nie gewesen sind, zwei Millionen Facebook-Likes. Mir gefällt das unter surrealen Aspekten. Mit Iggy Pop und Bernard Sumners konnte ich zwei meiner Jugend-Idole verpflichten, was mich besonders stolz macht. Das sind Leute die mich vor 20 Jahren mit ihrer Stimme anrührten. Was ich daran liebe, versuche ich mit meinem Leben zu verbinden. Die Lyrics stammen von ihnen, aber ich fühle mich so damit verbunden, wie noch bei keinem Album zuvor. Das Album ist ein Teil von meiner Persönlichkeit geworden. Mein DJ-Anspruch war es aus all diesen Künstlern ein Gesamtkunstwerk zu machen.

Der Clubbezug ist also das Gesamtkunstwerk?

Ich stelle mir das vor: Das ist ein Club, in dem eine Reise stattfindet. Durch mehrere Räume und durch mehrere Jahrzehnte. Das Album ist meine persönliche Cluberfahrung. Der künstlerische Erfolg wäre, wenn ich dieses Gefühl, was ich beim Hören des Albums empfinde, auf andere übertragen kann.

Ich konnte vor einigen Wochen bei einem deiner Auftritte dabei sein und mich überraschte: Du spielst mit CDs. Bei einem der ganz wenigen Techno-DJs mit Turntableism-Vergangenheit hätte ich das nicht gedacht.

Bei aller Begeisterung für die Schallplatte sehe ich das pragmatisch. Klaus sagte mir schon Mitte der 80er, dass es mal einen CD-Spieler geben wird, der genau diese Funktionen eines Plattenspielers haben könnte. Er hat das schon sehr klar gesehen, während ich das nicht für möglich hielt. Mittlerweile kann ich Sachen machen, von denen ich 1984 nicht gewagt hätte zu träumen. Mein Turntableism findet heute im Studio statt. Ich bin keiner, der sich 1000 Platten anhören kann, weil ich fast alles schlecht finde. Aber ich kann aus fast allem etwas machen. Ich spiele unheimlich gerne Edits, die ich teilweise nur für einen bestimmten Auftritt produziere. Diese neue Art, aus etwas Vorhandenem mein eigenes Kunstwerk zu erschaffen, das ist meine Leidenschaft geworden.

Wird es in Zukunft wieder mehr Westbam Auftritte in Berlin geben?

Da möchte ich mich nicht festlegen. Es muss immer etwas Besonderes sein, wenn ich spiele. Als nächstes freue ich mich auf die Bunker-Party mit euch! Ich wohne dort in der Nähe und wusste bislang nichts von dieser Location. Diese Stadt bietet immer neue Überraschungen, auch für jemanden der schon 30 Jahre dabei ist.

 

Im großem Rahmen sieht man dich in Berlin auf dem A&P Berlin Summer Rave am Flughafen Tempelhof. Wie stehst du zu einer von einem Supermarkt gesponsorten Party?

 

Wenn es dort nicht auf den drei bisherigen Veranstaltungen so toll gewesen wäre, würde ich das nicht machen. Diesmal habe ich gewissermaßen die Schirmherrschaft für einen Hangar übernommen, um dort eine gewisse Bandbreite aktueller Ravemusik zu präsentieren, von der ich glaube, dass sie zeitgemäß ist und nach vorne geht. Der Flughafen Tempelhof mit seinen Hangars ist ein echtes Erlebnis. Aufwändige Partys gehören zu Ausdrucksformen, die ein gewisses Maß an finanziellen Mitteln voraussetzen, da braucht die Kultur einen flüssigen Sponsor. Mit anderen Worten: Geld bringt nicht die Kultur hervor, aber es wirkt als Katalysator. Ohne das ganze Geld der katholischen Kirche wäre das große Werk der Deckenmalerei der Sixtinische Kapelle und die Sixtinische Kapelle selbst undenkbar gewesen. Sponsoring kann Fluch und Segen sein. Und ich würde sagen, in diesem Fall ist es ein Segen und genauso bei der Sixtinischen Kapelle.

Netter Vergleich. Ich bin gespannt. Danke für das Gespräch, Max.

Interview: Daniel Penk

 

Daniel Penk

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