Techno and Easyjetsets

von Redaktion


Wie schmeckt wohl der Senf, der hier zum wiederholten Mal zum Berliner Techno- und Touristenboom der letzten Jahre gegeben wird? Das ist das erste was mir durch den Kopf geht, als ich den Titel des neuen Buches „Lost and Sound – Berlin, Techno und der Easyjetset“ von Tobias Rapp höre. Als Teil der Szene kann ich meine Neugier gleichzeitig nicht verbergen.

Wie es der Titel verrät, begleitet der Leser den Easyjet-Raver durch eine Woche Techno-Berlin. Im Vorwort nimmt Rapp einige Clubs vorweg, die sonst keine weitere Erwähnung finden. Neben sämtlichen Läden um die Friedrichstraße lässt er auch zwei meiner Lieblingsclubs außen vor.  Dafür können wir ihm dankbar sein, denn diese haben ihren Sättigungsgrad an Touristen auch bald erreicht.Vom Watergate am Mittwoch ausgehend, pendelt das Buch entlang der relevanten Clubs zwischen Oberbaumbrücke und Alexanderplatz. Aktuelle Anekdoten erzählend, springt Rapp dabei ab und an zurück in die Pionierwelt der Neunziger – als Mitte noch ranzig war und die Lüftungsschächte noch scheppern durften.

Am Donnerstag findet nach dem touristischen Besuch im Weekend sogar meine Lieblingsabsteige Erwähnung. Es ist von Computerprogrammierern und anderen Gestrandeten die Rede. Ob ich wohl an dem Abend da gewesen bin? Nach einem freitagabendlichen Besuch im Tresor, werden Samstag Nacht die Legenden des Berghains ausgerollt, um sonntags zwischen Zirkusmusik, Minimalhouse und Glitzerspaß hinter der unberechenbaren Tür der Bar 25 wieder vergessen zu werden.Natürlich geht es weiter bis in den späten Montag — die Berliner und die Touristen mit ihnen stehen halt drauf. Tagsüber werden die einschlägigen Plattenläden besucht, wie es sich für den pflichtbewussten Technotouristen gehört und in weiteren Exkursen unter anderen die Programmschmiede von Ableton Live beleuchtet und ravesüchtige Mütter interviewt.

Auch ein ganz eigenes Berliner Internetforum wird unter die Lupe genommen, das besonders für jenen Teil der Szene einen hohen Stellenwert besitzt, der lieber in Off-Locations fernab der erwähnten, touristengeschwängerten Clubs feiert: Doch nicht ohne Grund bestehen die Forumsmitglieder stets darauf, aus Respektgründen nicht in die Öffentlichkeit gerückt zu werden. Rapp entscheidet sich bewusst dagegen und hinterlässt ein bitteren Beigeschmack, zumal das Kapitel recht unmotiviert zwischen Sonntag und Montag gequetscht wurde.

Einem ausgehfreudigen Berliner erzählt dieses Buch leider wenig Neues, Fragmente einiger Kapitel hatte ich sogar bereits als Interviews in der Groove gelesen – einzig die Berichte über die Nachwendeclubs weckten meine Neugier (ein Blick zurück, als ich noch nicht mal Hiphop für mich entdeckte). Der anfänglich vermutete rote Faden, die große einwöchige Clubtour, verheddert sich irgendwann gänzlich in den Exkursen. Im Großen und Ganzen unterhaltsam für Nicht-Berliner und kürzlich Zugezogene, die wissen wollen, wo und wieso in Berlin die Technopost abgeht. Dank der trefflichen Beschreibungen stellt sich für Locals beim Lesen eher bei der Frage Freude ein, wie oft man seinesgleichen wiedererkennt, und ob der eigene Stereotyp den Weg von der Party auf das Papier gefunden hat.

Text: Till Kolter

Redaktion

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