Soberdose Ingwer

von Miron Tenenberg


Miron testet für dich Wirkung von Ingwer und stirbt fast dabei

Ingwer

Griserie! Toxicomanie! Légalité! Unter diesem Motto testet Miron in der proud, ob die Dosis wirklich das Gift macht. Nennt ihm Eure Hausmittel – Rausch und Sucht – und lasst ihn fliegen: miron@proudmagazine.de

In Flugzeugen wird auffallend häufig Tomatensaft getrunken. Es gibt vielfältige Studien dazu, warum gerade Tomatensaft solch eine hohe Nachfrage über den Wolken erfährt. Die einen wollen es anhand der besseren Sauerstoffzufuhr im Körper begründen, andere sagen, dass er wegen des Würzens mit Pfeffer und Salz einen anregenden Effekt auf die tendenziell gelangweilten Passagiere und deren Organismen habe. Es wird auch argumentiert, dass der dickflüssige Tomatensaft als Zwischenmahlzeit zu sich genommen würde, ohne danach einem Völlegefühl zu unterliegen. Vielleicht ist es aber einfach die Gruppendynamik, weshalb sich so viele Menschen für den roten Gemüsesaft entscheiden. Der Nachbar trinkt es und ich habe es auch schon lange nicht mehr getrunken. Angebot schafft Nachfrage schafft Handlungsmuster. Weniger bekannt ist aber, dass es in Flugzeugen regionale Unterschiede gibt. In Italien wird anstatt des Tomatensafts üblicherweise Ananassaft über den Wolken getrunken. Etwas abseits, aber dennoch stark gefragt an Board ist zudem Ginger Ale. Auch dieses Getränk wird unten auf der Erde eher selten getrunken. Noch seltener wissen aber Deutsche, dass Ginger Ale nach Ingwer schmecken soll. Die süße Plörre, die uns allen so gut schmeckt hat jedoch reichlich wenig mit Ingwer zu tun. Man muss davon ausgehen, dass der Großteil der Deutschen diese Pflanze als Gewürz nicht kennt. Dieses Tropengewächs passt halt nicht so gut zu Schweinshaxe mit Erbspüree; höchstens zum Kuchen.

In Südostasien ist Ingwer hingegen seit Jahrhunderten ein bekanntes Hausmittel gegen Husten und Erkältungskrankheiten und aus den Speisen nicht mehr wegzudenken. Wer kennt nicht den süß eingelegten Ingwer beim Sushi? Dabei wird je nach Erntezeitpunkt unterschieden wozu der Ingwer gebraucht wird. Das frische Rhizoma zingiberis kommt in die Küche, das spätere wird zu Pulver verarbeitet. Das ist eine gute Wahl, da Ingwer Vitamin C, Magnesium, Eisen und einen Haufen weiterer Mineralstoffe enthält. Sechs Gramm getrockneter Ingwer hilft erstaunlich gut gegen Übelkeit und kann locker mit den gängigen Mitteln gegen die Seekrankheit, Dimenhydrinat, mithalten. Da ich nicht an der Seekrankheit leide und keinen Lowrider besitze fällt dieser Teil der Soberdose leider ins Wasser.

Dass Ingwer aber die Durchblutung fördert und aphrodisierend wirkt kann ich voll bestätigen – mehr als mir recht ist. Denn Ginger Ale oder besser gesagt Root Beer gibt es noch in ganz anderen Formen als in klebrigen Limonaden.

Ich sitze in einem karibischen Restaurant und warte auf Yams und Fisch und bestelle mir bei dem schönen Wetter eine kühle Erfrischung. Root Beer auf zerstoßenem Eis. Ich schäkere mit der Bedienung etwas herum und lasse mich auf das Originalrezept ein, da ich Ingwer ohnehin sehr gerne mag, vor allem je intensiver der Geschmack ist. Mir ist klar, dass es sich um eine Geschmacksexplosion handeln muss, denn das Wort Original in Zusammenhang mit Nahrungsmitteln und einem lokalen Bezugspunkt – in diesem Fall Jamaika – heißt meist, dass es für alle anderen Leute auf der Welt ungenießbar ist. Stellt Euch die original Berliner Schmalzstulle in Nepal vor oder den Frankfurter Handkäs mit Musik auf Sri Lanka. Da kommt jedenfalls mein Root Beer in Berlin. Der erster Schluck erfüllt meine Erwartungen: Die Schärfe zieht sich über Nase und Zungenränder in mein Gehirn. Kein Wunder, dass es auf crushed ice gereicht wird, ich brauche die Kühlung, zumal sich das Getränk immer weiter verdünnt, je wärmer es wird. Das Gute daran ist aber, dass die Schärfe nicht lange anhält und ich das Getränk beeindruckend und lecker zugleich finde. Frag mal die Tamilen nach deren Befinden, nachdem sie den Stinkekäse heruntergeschluckt haben.

Das Root Beer hat jedoch einen entscheidenden Boomerang-Effekt. Als wir danach auf eine Reggae-Party gehen fühle ich mich wie ausgetauscht. Ich kann nicht mehr denken, nicht mehr reden, nur noch glotzen. Wie Nachbars Lumpi spanne ich allen Frauen hinterher, kann mich nicht erinnern nur ein Gesicht auf der Feier gesehen zu haben, dafür aber unendlich viele bebende Décolletés und wackelnde Booties. Nicht dass diese Strategie sonderlich erfolgversprechend bei den Frauen ankäme. Ich habe keine Wahl. Ich hätte gerne! Es hilft aber nichts. Stolpernd und zombiegleich torkle ich durch den verwundenen Club und muss mich alle paar Meter an den Rand stellen, um mich richtungsweisend zu richten. Meine Begleitung verschwindet irgendwann ohne sich zu verabschieden und ich kann mich, so sehr ich es probiere, an nichts erinnern als an runde Körperformen.

An diesem Abend habe ich mir einfach eine Überdosis eingefahren. Tolle Droge, aber auf einer Swinger-Party wäre ich wohl besser aufgehoben. Es ist jetzt auch klar, warum Ginger Ale in Flugzeugen nichts mit originalem Ginger Beer aus der Karibik zu tun hat.

Miron Tenenberg

 

 

Miron Tenenberg

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