proud tours: Tokyo – Uwe Krass dreht durch

von Till Kolter


Die Türen der U2 am Bahnhof Alexanderplatz schließen sich. Ein letztes Mal schaue ich in die Gesichtsneurosen meiner Heimatstadt. Auf der Schönhause Allee begegnet mir ein stereotypischer Rayban-Träger mit asynchroner Früh- Neunziger Frisur und Heroinhosen. Ich lasse den klassischen Prenzl-Wichser, Hassobjekt aller Urberliner, hinter mir und blicke auf das, was vor mir liegt. Vier Jahre habe ich den Besuch bei meinem japanischen Freund Gen vor mir hergeschoben. Nun ist es endlich soweit. Japan, ich komme!

Narita Ariport. Japanischer Boden unter meinen Füßen. Gen und seine Freundin Ryo (nicht Rio!) warten am Ausgang auf mich. 100 Euro werden in Yen umgetauscht und schon befinden wir uns mit Ryos Wagen auf dem Highway Richtung Tokyo. Nach einer Stunde kommt die Skyline von Downtown Tokyo in Sichtweite. Mein Herz rast, endlich bin ich am Ziel.

Gens Apartment ist geräumiger als erwartet. Der Blick auf seine beiden Technics Plattenspieler verschafft mir die Gewissheit: hier werden wir uns in den nächsten Wochen prächtig amüsieren. In Japan ist das Überbringen von Gastgeschenken ein ungeschriebenes Gesetz. Ich überreiche ihm meine Mitbringsel: drei Packungen Jaavanse Jongsen Tabak, ein Shirt von Radio Skateboards, zehn Packungen diverser Haribo Produkte und zwei Flaschen Augustiner. Im Laufe des Monats werden Teile des Weingummis als Gastgeschenke an weitere Freunde abgezogen werden. Notiz an mich: das nächste Mal 30 Packungen einfliegen!

RIMG0293

Schon am ersten Tag meiner Reise beschließe ich, das nächste Mal ein Aufnahmegerät einzupacken. Einige Geräusche hier sind so ungewohnt, dass ich sie gerne meinen Musikerfreunden zur Verwertung mitgebracht hätte. Das erste Geräusch, was ich kennen und lieben lerne ist das Balzgeräusch der japanischen Zikade (Semi). Es klingt weniger nach Insekt, sondern eher nach einer Horde betrunkener Gremmlins, die sich gegenseitig Witze erzählen. Dass so kleine Lebewesen so einen Mordskrach machen können, war mir bis dato auch nicht bewusst. Auch die Zivilisationsgeräusche erscheinen mir fremdartig. In Restaurants und Supermärkten artet der Eintritt eines neuen Kunden nicht selten in Begrüßungssprechchöre aus.

Japanische Supermärkte und Shopping Areas habe eine Faszination des Grauens. Überall herrscht ein wahnwitziges Geschrei. Die Kassiererinnen sind offensichtlich nach der Höhe ihrer Stimmlage eingestellt worden. Der zweistöckige Supermarkt um die Ecke hat einen extra Angestellten, der die Kunden an der Fahrstuhltür begrüßt. Auch der Sicherheitsmann vor der Tür nimmt seinen Job sehr ernst. Er sorgt dafür, dass alle Fahrräder ordnungsgemäß abgestellt werden und die Blumen vor dem Laden genug Wasser haben. Videobildschirme und blinkende Werbetafeln soweit das Auge reicht. Die Bilder kennt man aus dem Fernsehen, aber das Gesamtbild und vor allem die Geräuschkulisse dieser Gegenden könnte nichtmal eine 360 Grad Kamera erfassen. Das wohl bekannteste Bild von Tokyo ist die Kreuzung in Shibuya, dem Mekka des japanischen Konsumterrorismus. Im 2-Minuten-Takt schalten sämtliche Fußgängerampeln auf grün. Die Gewalt der aufeinander zuströmenden Menschenmassen erinnert an Braveheart. Zur Stoßzeit passieren diesen Punkt bestimmt 1000 Menschen pro Minute. Berlin wirkt dagegen wie eine Kleinstadt.

RIMG0467

In Shibuya mache ich meinen erste Erfahrung mit den hiesigen Plattenläden. Wer sagt Vinyl sei tot, war wohl noch nie in Japan. Meine Lieblingsläden sind das Technique und Disc Union in Shibuya. Neue Platten kosten zwischen acht und zwölf Euro also in etwa so wie in Berlin. Was Tokyo für Vinyllovers so spannend macht, ist die gigantische Auswahl an gut erhaltender und alphabetisch sortierter Second Hand Ware. Die wichtigsten House und Techno Labels haben ihre eigenen Fächer in der Gebrauchtabteilung. So macht Stöbern Spaß. Das einzige Manko ist das Vorhören der Platten. Bei Disc Union kann man immer nur diejenigen Platten anhören, die mit einem speziellen Aufkleber versehen sind, so dass man manche Platten auch mal blind kaufen muss. Außerdem darf jeder Kunde nur zwei Stück auf einmal hören. Danach muss man sich wieder hinten anstellen. Es gibt nur einen einzigen Plattenspieler pro Laden. Gen muss auf dem Heimweg noch etwas erledigen. Ich fahre also das erste Mal in meinem Leben alleine mit der Tokyoter Metro. „Es ist ganz einfach. Steig einfach in Shimo Kitazawa um. Von dort nimmst du die Odakyu Line in die entgegengesetzte Richtung zu Shinjuku.“, gibt Gen mir noch mit auf den Weg. Leider gibt er mir nicht mit auf den Weg, dass es von ein und derselben Linie Local-, Semi- Local-, Express- und Semi-Express- Züge gibt, die unterschiedlich häufig halten. Wie es das Schicksal so will, handelt es sich beim einfahrenden Zug um die „Express“ Variante. Bevor ich begreifen kann wie mir geschieht, befinde ich mich schon außerhalb des Stadtgebiets. Natürlich habe ich mir meine Basisstation Chitose Funabash nicht vorher aufgeschrieben, so etwas machen schließlich nur Spießer. Auf mein fotografisches Gedächtnis ist schließlich immer Verlass. Leider ist mein Gedächtnis auf Berliner U-Bahnplänen trainiert worden und versagt bei Linien mit mehr als 60 Stationen kläglich. Ich frage also einen Jungen in meinem Alter, wie ich nach Funabashi komme. Der Ort steht in meinem Notizbuch, in Zusammenhang mit Gens Adresse. Er scheint mich nicht zu verstehen und deutet auf eine Station auf dem lokalen Fahrplan. Ein Glück reicht mein Erinnerungsvermögen aus, um garantiert nicht in Frage kommende Bahnhöfe auszuschließen. Was ich zu dem Zeitpunkt nämlich noch nicht weiß, ist dass Funabashi ein Ortsteil einer 2 Stunden entfernten Präfektur ist. Irgendwann finde ich doch noch meine Station. Erschöpft, aber doch froh die erste richtige Prüfung gemeistert zu haben, komme ich mit einer Stunde Verzögerung zu Hause an.

Nach zwei Tagen Schnupperkurs „Tokyo für Anfänger“ fahre ich für eine Woche in die Berge außerhalb der Stadt in die Präfektur Kanagawa. Yoshito, ein begabter Mundharmonikaspieler und Sohn eines ehemaligen Pantomimespielers, lädt einmal pro Jahr alle seine Künstlerfreunde zu einem Treffen ein. In der Probehalle des einstigen Zirkus kommen Musiker, Artisten und andere Lebenskünstler zusammen, um sich gegenseitig mit ihrer Kunst zu begeistern. Meine Strategie, mich nicht als der letzte Nichtsnutz zu outen, ist es, mich dort als (Laptop-)DJ zu verkaufen. Das klappt auch ganz gut, sie können gar nicht genug davon bekommen: nach zwanzig Minuten meiner künstlerischen Darbietung werde ich um Aufhören gebeten – die Nachbarn müssten schon sehr früh ins Bett – lautet der fadenscheinige Grund.

RIMG0297

Abends betrinken wir uns immer auf der Veranda mit Sake, Bier und Shochu und spielen lustige Spiele wie „Wir malen uns Gesichter auf den Bauch“ oder „Wer Fremdwörter benutzt, muss trinken“. Angeblich vertrage ich von den Anwesenden am meisten Alkohol. Ich bin zwar anderer Meinung, nehme die Rolle aber lächelnd an uns lasse mein Glas mit neuem Schnapps füllen. Mit steigendem Alkoholpegel sinken auch die Sprachbarrieren. Wir lallen uns mit Händen und Füßen gegenseitig zu wie gut japanischer Sake und deutsches Bier doch seien und vergleichen esskulturelle Unterschiede. Tagsüber vertreibt man sich die Zeit mit Jonglage, Seiltanzen oder sonstigem Gegaukel – fast wie zu Hause. Ab und an gibt es ein paar private Vorstellungen. Die beeindruckendste Präsentation liefert der Feuertänzer Yuki. Der ehemalige Büroangestellte hat seinen Beruf vor zwei Jahren an den Nagel gehängt und spielt seitdem mit dem Feuer. Normalerweise wende ich mich bei Feuerartisten aus Prinzip ab – besonders wenn sie mit Ketten arbeiten. Mein Kontakt mit Feuerspielern beschränkte sich bisher allerdings auf bekiffte Alleskönnenwoller. Die eine Hälfte von ihnen ist zwar routiniert mit dem Umgang der Ketten, lässt sich aber nicht neues einfallen und ruht sich auf der Tatsache aus, dass Feuer sowieso immer Leute zieht. Die andere Hälfte hat es sich in ihrem Spanienurlaub am Strand zeigen lassen und verheddert sich nach drei Umdrehungen hoffnungslos. Yukis Auftritt dagegen ist unverbraucht und originell. Mit gezielt langsamen Bewegungen und einer beeindruckenden Körperspannung lässt er die Kugeln über sich und unsere Köpfe kreisen. Ich ahne so langsam wie die Idee zu den Dragonball-Comics entstanden sein mag.

Als Teil der großen Abschlusspräsentation ziehen 15 Japaner und ein als Laptop-DJ getarnter Berliner mit 500 Küchengummis in einen Kleinwagen durch den Garten. Thomas Gottschalk hätte seine helle Freude daran. Später schenkt mir ein buddhistischer Hiphop-Mönch im Suff seine neon-orangene Arbeitsjacke. Der Trip in die Berge hat sich definitiv gelohnt. Wieder zurück in Tokyo stellt Gen mir die reizende Tänzerin Aya vor. Sie hat fünf Jahre in Berlin gelebt, behauptet aber ihr Deutsch sei schlecht. Alles nur ‚fishing for compliments‘. Ihr Deutsch ist gut und süß akzentuiert. Aya ist das letzte fehlende Mitglied in meiner Tokyo Gang. Durch Aya lerne ich außerdem eine weitere wichtige japanische Vokabel: kawaii – süß. Wir treffen sie im Combine Café, einer angesagten Bar im Stadtteil Nakamekro. Yohei, einer der Gründer des Combine Café kenne ich aus Berlin. Er ist vor einem halben Jahr dort hin gezogen. Zufälligerweise ist Yohei zur selben Zeit in Tokyo. Eigentlich soll sein Flug nach Berlin noch am selben Abend gehen. Diesen verpasst er aber, so dass er uns zwei Tage später in den Club „Air“ mitnimmt. Es ist ein Montag Abend. Selbst in Technocity Berlin geht da eher selten die Post richtig ab. Ich bin also sehr gespannt was Tokyo so an einem Montag zu bieten hat. Das „Air“ liegt unter der Erde. Der Eingang ist über ein Restaurant zu erreichen. Na das hört sich doch schon mal nach Heimat an. Das Bier wird in Dosen serviert, für Nostalgiker wie mich eine sehr willkommene Überraschung. Die Dosen kann man sich in den Clubs am Automaten ziehen. Nie wieder Bargedrängel, hier ist das Paradies! Der DJ beginnt sein Set mit Len Faki Rave-Signalen. Etwas verstört über den Sound, hatte ich doch von Japan etwas deeperes erwartet, lasse ich meine Augen über das euphorisierte Publikum gleiten. Mein Blick fällt auf einen Tänzer, der sich offensichtlich gerade bereit für einige Moves macht. Noch bevor ich eine Spekulation darüber machen kann was er plant, hüpft er auf einer Hand durch die jubelnde Menge. Dass ich jemals Len Faki und Breakdance in einem Wort sagen werde, hätte ich mir nie träumen lassen. Sowas will ich in Berlin auch sehen. Das Technoset driftet langsam in Richtung House, erst noch subtil, dann mit Vocals. Zum Schluß läuft „This Sweet Love“ von James Yuill im Prins Thomas Edit. Die Musik ist inzwischen merklich leiser geworden. Den Merkspruch „Dont forget to go home“ braucht man hier nicht, die Clubs sorgen schon dafür, dass die Leute nach Hause gehen. Ich höre ein Klackern, das mir wohl bei der Lautstärke vorher nicht aufgefallen ist. Der Geräuschverursacher ist ein adrett gekleideter Stepptänzer. Wahrscheinlich war er den ganzen Abend da und hat sich zu Ravesignalen und Vocalhouse die Seele aus dem Leib gesteppt. Berliner Veranstalter sollten ab sofort alle Stepptänzer und Breakdancer umsonst hereinlassen. Wir schleppen uns taumelnd zum nächsten Taxi. 40 Euro und eine Magenentleerung später erreichen wir Gens Wohnung im Morgengrauen.

RIMG0338

Die restliche Zeit meines Urlaubs verbringe ich hauptsächlich mit kleinen Alltagsabenteuern. Bahn fahren, Platten schoppen, Essen und Schlafen. Ich bin die Sprachbarriere leid und besorge mir ein englisches Japanisch- Lehrbuch. Fotograf Gen fliegt für einige Tage für ein Shooting in die USA. Währenddessen kümmern sich meine Traumfrauen Ryo und Aya um mich und helfen dabei mein Touristensoll zu erfüllen: die Besichtigung des Asakusa Tempels, ein Ausflug nach Kamakura und den Besuch einer japanischen Videospielhölle, eine Unterrichtsstunde in Ayas Contemporary Dance Class – uns wird nie langweilig.

„Je später der Urlaub desto teuerer die Tage“, lautet ein Spruch, den ich mir gerade ausgedacht habe. Die Yen- Münzen, die ich Anfangs noch dreimal gewendet habe, bevor ich sie ausgab haben sich unmerklich in Tausender Scheine verwandelt. Hier ist es eine Ska-Jan, so nennt man die japanischen Baseballjacken mit den kitschigen Motiven, dort ein japanisches Kellog‘s Shirt. Am letzen Tag hebe ich extra nochmal etwas ab, um japanische Grundlebensmittel zu kaufen: Thunfischpulver, Thunfischflocken, Seegraspulver, Miso, Mayonnaise, Okonomiyaki-Sauce und Wasabi in doppelt und dreifacher Ausführung.

Den Rucksack voll mit Lebensmitteln sage ich Lebewohl. Ich vermisse meine Tokyo Gang jetzt schon und freue mich auf den Besuch von Aya und Ryo im Frühjahr. Und so mein Geldbeutel will, werde ich nächstes Jahr wieder kommen. Matane – Bis später! Text & Images Uwe Krass Graphic Amrei Hofstätte

Uwe Krass

[flickrset id=”72157627160865885″ thumbnail=”600px” photos=”600px” overlay=”600px” size=”600px”]

Till Kolter

Want more stuff like this? Show love below.