proud tours: Island

von Lev Nordstrom


Ich niese. Ein Anruf von meinem Verleger in den frühen Vormittagsstunden. Es kann sich nur um einen Notfall handeln, ein redaktioneller Hilferuf, ein mysteriöser Auftrag in geheimer Mission. Ich hebe ab. „Lev! Hast Du Lust nächstes Wochenende nach Island zu fahren?“ „Ja klar! Worum geht es denn?“ „Um Nordrid.“ „Kenn ich nicht.“ „Das ist eine isländische Konzertreihe, vom isländischen Musikexportbüro ins Leben gerufen. Der Auftakt findet in Reykjavik statt. Anschließend reisen einige isländische Künstler zu verschiedenen Terminen nach Deutschland. Und um das alles publik zu machen, findet jetzt eine Journalistenreise nach Reykjavik statt. Du fliegst am Freitag.“

Island ist ein junges Land, das erst 1944 seine Unabhängigkeit von Dänemark erlangte. Ein Land, das topographisch oft als Mondlandschaft bezeichnet wird, ein naheliegender aber dennoch zu einfacher Vergleich, denn es ist wirklich schwer, diese vulkanoide Zufallslandschaft in ihrer vollen geomorphischen Pracht und wissenschaftlichen Relevanz zu beschreiben. Ich kann mir im Vorhinein von vereinzelten Erzählungen und raren Filmaufnahmen her schon etwas unter Island vorstellen, bin mir aber gleichzeitig dessen bewusst, dass ich mir wohl keine großen Hoffnungen auf philanthrope Feldversuche mit Elfenfamilien und trinkwütigen Wikingerstämmen zu machen brauche. Meine Berufung gilt vor allem der isländischen Musikszene.

Mein Hals kratzt, meine Nase läuft. Mein Vater sagte mir noch ich solle unbedingt Regensachen mitnehmen und jetzt habe ich absolut gar nichts gegen Regen dabei. Großartig. Ich fliege in einer Stunde nach Reykjavik, nach Island, Iceland! und habe Stofflatschen an, sowie ein Paar Sneaker, einen warmen Mantel und einen Wollpulli in der Tasche. Mein mangelhaftes Schuhwerk bereitet mir immer größere Sorgen. Am Gate dann die Bestätigung. Um mich herum ein einziges Wander- und Trekkingoutfit, Gore-Tex und Co, und ich mittendrin. Himalaya versus Teufelsberg. Wenigstens sitze ich im Flieger in der ersten Reihe. Dann habe ich genug Platz für mein wasserabweisendes Ganzkörperzelt. Ein einziger Gedanke hält mich während des Fluges bei Laune. Sollte dieser Iceland Express Flug abstürzen, würde im Wasser auf jeden Fall die Outdoor-Meute mit ihren Allrad-Tretern vor mir untergehen. Nagut, vor mir und dem Hippie aus Reihe drei, der vorhin in Batikhemd und Sandalen die Maschine betrat und mich prompt aufatmen ließ. Aber wir landen.

Dank einer zweistündigen Zeitverschiebung ist die Nacht in Reykjavik noch jung und ich fühle mich fit wie mein Turnschuh. Ich will ein Bier. Auf dem Weg zum Geldautomaten erklärt uns Anna – unsere liebevolle Betreuerin vor Ort und Chefin von Iceland Music Export – dass Bier erst im Jahre 1989 in Island legalisiert wurde. Anfang der 80er Jahre begannen einige Bars in Reykjavik dann Bier mit einem Alkoholgehalt von 1% gemischt mit Vodka anzubieten. Vodka war in Ordnung, nur kein Bier. Als mehr und mehr Bars nachzogen, entschloss die Regierung letzten Endes Bier offiziell zu legalisieren. Beim Geldautomaten erklärt mir Anna noch, dass ich beim aktuellen Wechselkurs für 100 Euro ungefähr mit „seventy thousand“ isländischen Kronen rechnen könne. Ich beschließe nicht zu übertreiben und hebe 60000 ab. Kurz darauf bemerke ich, dass ich Anna falsch verstanden habe und nun mit knapp 350 Euro durch Reykjavik laufe, „seventeen thousand“. Gut, denke ich mir. Die erste Runde geht dann wohl auf mich. Ich werde die isländische Wirtschaft eigenhändig wieder ankurbeln. Wir kommen im Sódóma an, der Bar, und hören Mammút, die Band. Hübsch.

Island liegt auf zwei tektonischen Platten, der Amerikanischen und der Eurasischen. Auf Island gibt es noch aktive Vulkane und ab und zu mal ein Erdbeben, viel Dampf, viel Moos und reinrassige Pferde. Und dann gibt es noch den Fischfang, geothermale Energiequellen, Thor, Odin und Elfen. Dank der isländischen Sagen ist die gesamte Geschichte des Landes inklusive der Ankunft des ersten Siedlers komplett dokumentiert. Über sieben bis acht Ecken sind alle Isländer miteinander stammbäumlich verbunden. Irgendwie sind dann auch alle Isländer im entferntesten Sinne, aber nachweislich, Verwandte von Björk. 300000 Menschen leben auf Island. Davon leben widerrum knapp 180000 in Reykjavik. Davon sehen sich knapp 70000 als Künstler. Die Kreativbranche in Island befindet sich trotz bankrottöser Wirtschaftslage des Landes im Aufschwung. Die Deutsche Bank ist an Island interessiert. Häh?

Es will und will einfach nicht regnen. Eigentlich sollte ich mich freuen. Wir sind Mittags zum Sightseeing verabredet. Mein Hals kratzt nicht mehr. Ich stehe auf und gehe kurz auf eigene Faust Reykjavik erkunden. Unser Hotel ist auf der Laugavegur, der Hauptflaniermeile Reykjaviks, eine Einbahnstraße gesäumt mit kleinen Bars, Cafés, Souvenirläden, Vintage-Klamotten, Adventure-Fillialen, Plattenläden und Buchhandlungen. Rechts und links verlaufen kleine, teils steile Gassen und führen bergab zum Hafen und zur weltbesten Hotdogbude – weltbest, weil mal Bill Clinton dort einen Hotdog gegessen hat und anschließend meinte, dies sei der beste Hotdog, den er je gegessen habe – und bergauf zu einer grauen Kirche mit Baugerüst drumherum. Reykjavik ist eine bunte Stadt mit dem holzigen Charme eines Wikinger-Fischerdorfes. Nach gut zwei Stunden kehre ich zurück ins Hotel und habe das Gefühl, die Stadt zu kennen. Das ist schon relativ gut überschaubar hier.

Mit einem Shuttle fahren wir zum Busbahnhof, wo unsere Sightseeing- Tour zum Golden Circle beginnt samt Geysiren und Wasserfällen. Im Restaurant am Busbahnhof entdecke ich noch eine isländische Spezialität, den traditionellen Schafskopf. Mmm.

Die Busfahrt ist der Wahnsinn. An dahingeschmolzenen und erstarrten, moosbewachsenen Landschaften vorbei zu den Geysiren. Unterwegs vereinzelte Schafe, Forschungsstationen, Ferienhäuser, Pferde und Pipelines. Links Wasser, rechts Berge. Links blauer Himmel und Fischerhütten, rechts bedrohlich dunkle Wolken und anthropomorphe Gebirgszüge. Herr der Ringe trifft auf Unsere kleine Farm, oder Flipper. Bei den Geysiren dann Hochspannung und Schwefelgeruch, viel Dampf und reichlich Geknippse, begleitet von vereinzeltem Jauchzen in fontänenhafter Regelmäßigkeit. An Gletschern vorbei geht es zu einem Wasserfall. Nein, nicht nur irgendein Wasserfall: Der Golden Waterfall. Einige Selbstporträts vor steilem Abgrund weiter und wir machen schon wieder Halt, diesmal an einem riesigen See und dem Ort an dem sich die beiden tektonischen Platten treffen, einzigartig und seit 2004 UNESCO Weltkulturerbe.

Auf dem Weg zurück zum Hotel erzählt uns die Reiseleiterin noch vom fabelhaften Leben der isländischen Highland-Schafe. Lamm ist in Island eine Spezialität, nebst Walfleisch und Hotdogs. Im Frühjahr werden die Schafe und Lämmer herauf in die Highlands getrieben. Dort verbringen sie den schönen Sommer, fressen sich satt an grasigen Hügeln und sind vollkommen frei, daher der Spruch: frei wie ein Schaf, oder so. Im September und Oktober wendet sich jedoch schlagartig schnell das Schicksal dieser Highland- Schafe, denn da ist Schlachtsaison. Die Schafe und Lämmer werden zurück ins Tal getrieben und landen bestenfalls auf einem Teller, als halber Kopf mit Kartoffelbrei und Karotten garniert in einer Busbahnhofskantine. Mein Sohn war Busbahnhofsspezialität des Monats. Meeeehhheeek. Ich bin gespannt auf das Abendessen.

Im Orange, beziehungsweise im Orange Lab werden wir schon von Visit Reykjavik erwartet und kriegen jeder einen Energiekristall geschenkt, sowie das bevorstehende Abendessen in diesem Tempel für Nouvelle-Cuisine‘ler und Molekularfüchse. Während wir uns und unsere respektiven Medien kurz vorstellen kommt schon eine Vorspeise – eingelegte Lammwürfel in kleinem Metalleimer – an einem Heliumluftballon befestigt an unseren Tisch geschwebt. „So could you please introduce yourselves“, bittet freundlich eine unserer Gastgeberinnen. Nach Berliner Zeitung, De:Bug und Rolling Stone, bin ich an der Reihe. „Hi, I‘m Lev Nordstrom writing for proud magazine from Berlin.“ „What magazine?“ erkundigt sie sich. „Proud magazine“, erwidere ich. „Oh, well you know, we also have a really big gay parade in Reykjavik.“ „Ah, that‘s nice“, sage ich und widme mich meiner dritten Vorspeise. Nach gefühlten zehn Gängen kommt noch ein als mad scientist verkleideter Koch zu uns an den Tisch und bereitet uns mit Flüssigstickstoff gefrorene, dampfende Kokoseisflocken zu.

Wir begeben uns erneut ins Sódóma, trinken Tuborg und horchen erst Klive, dann Kira Kira, zwei Künstler der elektronisch-experimentellen Gegenwartsmusik. Während Kira Kiras Sound leicht verhext daherkommt, klingt Klive eher epochal auf höchst fragile Art und Weise. Beide haben eine verspielt-melancholische und leicht exzentrische Bühnenpräsenz. Ich fühle mich langsam richtig schlapp und beschließe ins Hotel zurückzukehren, gute zehn Minuten zu Fuß durch den Laugavegurschen-Partytrichter. Aus dem Sódóma hinein ins Sodom und Gomorrha. Ich werde begegnet von einem kollektiven Besäufnis. Es regnet. Endlich Regen. Überall strömen schicke junge Menschen umher, rein in Clubs oder Bars, raus aus Wohnungen oder Restaurants, lauthals zelebrierend, pubertierendes Gelächter, kaputte Flaschen und Gläser, laute Musik aus Läden und Autos. Anarchie oder Wikingerwochenende. Ich komme auf mein Zimmer und beschließe direkt wieder rauszugehen. Dank einer zweistündigen Zeitverschiebung ist die Nacht in Reykjavik noch jung. Ziellos irre ich um den Block. Es regnet immer noch. Ich finde einen Laden, der mir gefällt. Von außen: ein kleines rotes Haus in Western-Manier und Pub-Format. Von innen: eine menge Leute, gute elektronische Musik aus Deutschland und drei Bars. Ich bestelle ein Bier und ein Vodka, denn ich bin allein. Noch. Ich gehe nach draußen eine Zigarette rauchen – denn dort fällt es weniger auf, wenn man niemanden zum quatschen hat – und treffe auf Mister Goa, der Hippie aus dem Flieger. Wie alte Freunde, begrüßen wir uns und reden über Schuhe. Irgendwann ist er wieder weg. Ich schiebe mich durch die Massen wieder nach draußen. Skál!

Zur Erholung vom vielen Arbeiten, geht es für uns Journalisten am nächsten Tag in die Blue Lagoon Spa-Anlage. Ehemals war der Ort eine natürlich Anlage bestehend aus heißen Quellen, bis irgendwann ein amerikanischer Tourist einen Herzinfarkt erlitt, unterging und erst einige Tage später in einer unterirdischen Spalte geborgen wurde. Seitdem sind die Quellen weiterhin natürlich, die Anlage komplett durchgestaltet, vom Handtuch bis zum Gift-Shop. Island lebt jetzt mehr denn je, von seinen Touristen. Ein Stunde kämpfen wir uns durch Schlammmasken, heißes, milchig-salziges Wasser, Steamrooms und Massage-Wasserfälle, bis wir gut entspannt und gut durchblutet wieder zum Bus dürfen. Es stehen noch Interviews mit GusGus, Kira Kira und Klive an, danach ein Abendessen und post-sonntägliches Barhopping. Langsam habe ich das Gefühl isländisches Bier hilft gegen die sich scheinbar ewig anbahnende, aber nicht ausbrechen wollende Erkältung. Entweder das, oder ich stehe als Tourist und Musikredakteur eines Berliner Schwulenmagazins unter Elfenschutz. It‘s a hard knock life.

Wir landen am Montag in Berlin. Ich niese. Schönefeld, 19°. Die Frisur hält. Ich habe das Gefühl, über eine Woche weggewesen zu sein. Dank zweistündiger Zeitverschiebung bin ich jetzt gerädert. Als ich vor kurzem Klive und Kira Kira bei ihrem Konzert im Schokoladen, in Berlin-Mitte, erneut Live sehe, überkommt mich gar ein wenig Heimweh. Es bleibt aber trocken.

Am 02.10. bringt der „Nordrid – Iceland Express Musik Klub“ GusGus mit ihrem neuen Album 24/7 nach Berlin und als Begleiter Landsmann Oculus, ein fabelhafter Produzent und DJ. Das Berghain darf sich freuen.

Musik aus Island:

www.myspace.com/nordrid

www.myspace.com/gusgus

www.myspace.com/oculusmusic

www.myspace.com/trallaladykirakira

www.myspace.com/kliveisklive

www.myspace.com/bloodgroup

Text Lev Nordstrom

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Lev Nordstrom

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