on the run with smash137

von Lukas Kampfmann


Smash 137 gilt als einer der aktivsten und bekanntesten Writer der Welt. Seine nunmehr 20 Jahre dauernde Odyssee zum perfekten „Style“ hat die internationale Graffiti-Szene stark beeinflusst, und dem Schweizer Künstler neben Fame & Fortune auch eine saftige Verurteilung eingebracht. proud hat Smash 137 eine Berliner Nacht lang begleitet – und eine Verwandlung durch Aerosol und Adrenalin beobachtet.

Graffiti ist ein Oxymoron, ein Widerspruch in sich. Eine Subkultur, die ihren Anspruch auf Anonymität und Unzugänglichkeit mit Haut und Haaren verteidigt – und das ausgerechnet im öffentlichen Raum. Grafittis Faszination ist so stark, dass es die am meisten ausgeübte illegale Tätigkeit der Welt ist – und dennoch so schwer zu fassen, dass selbst die Protagonisten sie nicht auf eine prägnante Formel bringen können.

Einer dieser Protagonisten ist Smash 137. Smash hat im Alter von 10 Jahren angefangen, zu sprayen. Mit 12 hat er seinen ersten Zug bemalt, was als Tatsache so abenteuerlich klingt, dass es zwangsläufig Assoziationen zu asiatischen Klavier-Wunderkindern weckt. Mit 21 wurde er Mitglied des illustren „Montana Writer Teams“, das als eine Art Ocean’s Eleven des Graffiti um die Welt jettet. Mit dem Unterschied, dass hier nur fünf Künstler mitmachen dürfen – und jeder einzelne eine Szene-Legende ist. Mit 29 wurde er in seiner Heimatstadt Basel an einer Wand einkassiert. Drei Jahre später eröffnet er seine Ausstellung in Berlin. In der Nacht davor treffen wir ihn am Ostbahnhof. In seiner Tasche klackern ein paar Dosen. Bei diesem Interview spekulieren wir darauf, dass sein Bild mehr als 1000 Worte sagen wird.

Es ist kurz nach Eins. Smash und JUST, der heute unser Fotograf sein würde, machen sich bekannt, und geben dabei unwillkürlich Einblick in die Funktion der Graffiti Szene: Beide haben schon vorher voneinander gehört und begegnen sich deshalb als Künstler auf Augenhöhe, die eine Leidenschaft teilen. Sie finden in einer Subkultur, die auf Grund ihrer illegalen Identität von Vorsicht, Misstrauen und Einzelgängertum geprägt ist, ihre gemeinsame Basis. Schon wieder ein Widerspruch.

Das Gespräch verstummt kurz, als zwei Bundespolizisten an uns vorbeilaufen. Wir machen uns auf den Weg.

Das Areal rund ums Berghain bietet einige Wände, doch sie alle wären ein Kompromiss. Die freien Stellen würde niemand sehen, und alle, die gesehen werden, sind belegt. Das Gespräch dreht sich ums Gebustet werden. JUST erzählt, wie sie vor kurzem bei einer Aktion erwischt wurden, und in den Lauf einer Pistole geblickt hätten. Smash hat viele Freunde, die sich durchs Sprayen ruiniert haben. Gerade als der Gedanke auftauchen will, ob es den ganzen Stress wert ist, fragt Smash in seinem Baseler Akzent, der sich für Ungeübte kaum vom Wienerischen unterscheiden lässt: „Hast du nie mal einen deiner Züge in den Bahnhof einfahren sehen? Hast du da nichts gespürt, nicht so eine kleine Flamme?“ Rational lässt sich diese Kultur wirklich nicht erklären.

Wir steigen in eine große Baustelle an der Rüdersdorfer Straße ein. Als sich die Plane über dem Gerüst hinter uns wieder schließt, passiert etwas. Jeder Schritt wird nun bedacht, jedes Geräusch mit den Augen verfolgt. Die Stimmung schlägt um, in Konzentration. Wir entdecken einige Neonröhren, die eine Wand mit grellem Licht überfluten, und sind unentschlossen, wie wir das jetzt verstehen sollen. Beleuchtung für einen Sicherheitsdienst? Abschreckung für Vandalen? Arbeitslicht für Smash 137?

Wir folgen den Verlängerungskabeln in den ersten Stock, dann in den zweiten. Kein Schäferhund zu sehen. Wir klettern auf einer Leiter auf den Dachboden des Gebäudes, vielleicht kommen wir ja auf‘s Dach. Doch der Weg endet hier, und nur für‘s Foto zu malen ist Smash zu langweilig.

Es ist kurz nach Zwei. JUST ist eine Wand eingefallen, die unseren Ansprüchen entspricht, und wir fahren in einem abgerockten Volvo mit Schweizer Kennzeichen durch die Berliner Nacht, vorbei am Alex, vorbei an den Nutten auf der O’Burger, mitten ins Regierungsviertel. Smash wundert sich über den Anti-Style der Berliner Graffiti, für den es viele Erklärungen gibt, der aber eigentlich keine braucht. Denn in der schönsten, hässlichsten Stadt der Welt sind schön-hässliche Bilder nur konsequent.

Wir parken an der Spree, und passieren wenig später den ersten Zaun. Auf den Gleisen über uns wird gearbeitet, und wir stapfen in einer Reihe an der Mauer des Bahndamms entlang. Hier wächst das Gestrüpp meterhoch; Niemandsland, mitten in Berlin, keine 500 Meter vom Kanzleramt. Ein weiterer, letzter Zaun wartet, doppelt so hoch wie der erste, mit Stacheldraht, an dem jeder von uns mindestens einmal hängen bleibt. Wir sind am Spot angekommen. Hier vereinigen sich alle vier Elemente, die aus dem netten Kerl aus Basel plötzlich Smash 137 machen: Wand, Dose, Nacht und Adrenalin.

Was ich hier erlebe, ist tatsächlich eine Verwandlung. In der Sekunde, in der er sich die Handschuhe und eine Jogginghose überstreift, um sich vor der Farbe zu schützen, und die Dosen gegen seine Ferse schlägt, um die Pigmente vom Boden zu lösen, sinkt Smash 137 in einen scheinbar Trance-artigen Zustand der Konzentration. Er spricht kein Wort mehr; er dreht sich nicht mehr um – er malt einfach. Mit mühelosen Bewegungen, deren Sicherheit an die eleganten Bewegungen einer Katze beim Klettern erinnern, zieht er in breiten, satten Linien seinen Namen an die Wand. Er scheint keine Ecken, keine Kanten, keine Winkel zu produzieren, sondern organische, runde Formen, die miteinander kommunizieren. Man sieht mit eigenen Augen, was dort an der Wand passiert, man versteht den technischen Ablauf, das Zusammenspiel von First-Outline, Fill-In, Outline und Highlights, und doch begreift man trotzdem nicht, wie dort entsteht, was dort entsteht. Wer einmal eine Dose in der Hand hatte, verzweifelt schnell an den vielen Faktoren, die bestimmen, wie die Farbe auf die Wand trifft: Die Geschwindigkeit der Bewegung, die Distanz zur Mauer, der Winkel der Dose, der Druck auf den Sprühkopf. Für Smash 137 scheint nichts davon zu existieren, seine Kontrolle, sein Flow ist derart selbstverständlich, die Dose scheint eine natürliche Verlängerung seines Arms zu sein. Es ist nicht so, als würde er jede Linie auf Anhieb perfekt malen, im Gegenteil, er korrigiert sich fortlaufend. Aber das Wort „Korrektur“ ist hier fehl am Platz, denn wenn er einen Strich nachzieht, wirkt es, als wolle er schlicht seinem Perfektionismus, seinem Anspruch an das Bild einen Schritt näher kommen. Sein Arbeiten lässt sich nicht durch pure Routine erklären, durch die tausenden Pieces, die Smash 137 in den letzten 20 Jahren gemalt haben muss. Wer ihm zusieht, bemerkt die lebensnotwendige Leidenschaft, die seinem Bild die faszinierende Leichtigkeit verschafft. Diese seltsame Symbiose aus Künstler und Kunst wird durch das eine Geräusch unterbrochen, auf das jeder konditioniert ist, der Unfug im Kopf hat: Eine Sirene heult auf.

Smash 137 lässt sich auch von dieser Störung nicht aus seiner Konzentration reißen. Er sinkt zusammen, und kauert vor seinem Piece, wie der Terminator, der gerade durch die Zeit gereist ist, nur mit mehr Kleidung und ohne Blitze. Spätestens in diesem Moment erinnert Smash mehr an einen Mönch im Gebet als an einen Künstler bei der Arbeit. Die Sirene verschwindet, und mit ihr die Aufregung. Smash malt weiter, er malt zu Ende, und das duftende Gemisch aus Treibgas und Farbe wabert von der glänzenden, nassen Wand zu mir herüber. Es erstickt jede alberne Frage nach dem Warum. Darum. Dieses Bild sagt wirklich mehr als 1000 Worte.

Smash 137 & Ruedione
Fotoausstellung
Carhartt Shop Berlin
06. November – 10. Januar 2009

Smash 137 – Smash Proof
von Amber Grünhäuser
On The Run Verlag, 2009
128 Seiten
ISBN – 978-3-937946-56-6

smash137.net
just.ekosystem.org

Text: Lukas Kampfmann
Photos: All photos by JUST except title picture and car picture by Lukas Kampfmann

Lukas Kampfmann

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