Focused Artist Esra Rotthoff

von Moritz Stellmacher


Kannst du dich kurz vorstellen, in ein paar Sätzen.

Ich bin Esra Rotthoff, bin in Berlin geboren und arbeite als Gestalterin und erstelle visuelle Konzepte. Egal, ob es Grafik, Fotografie, Illustration oder bewegte Bilder sind. Die Hauptsache ist, dass ich meine Idee, die ich im Kopf habe mit dem am besten geeigneten Medium umsetzen kann. Ich lebe in Kreuzberg, arbeite dort, bin total happy und werde Berlin so schnell nicht verlassen.

Wie bist du zur Kunst gekommen?

Ich habe mein Leben lang gezeichnet und gemalt. Acryl und Öl, was man so alles macht, wenn man 17 ist und nach der Schule nichts Besseres zu tun hat. Zur Abizeit habe ich viel Output gehabt. Ich habe in zwei Monaten 40 Bilder gemalt und dann gesagt : “Ok jetzt hab ich kein Bock mehr, jetzt mach ich Fotografie”. Dann hab ich angefangen an der UdK Visuelle Kommunikation zu studieren, was sehr gut war, weil man viele Medien vorgestellt bekommt. Auch, weil man mit vielen verschiedenen Leuten aus verschiedenen Altersstufen und Bereichen zusammenarbeiten kann. Für mich war es eigentlich immer klar, dass ich nichts Anderes werde, als in irgendeiner Form Kunstschaffende.

Nach der UdK, wie ging es da weiter, hast du dich gleich selbstständig gemacht?

Ich arbeite jetzt seit 11 Jahren als Gestalterin. Ich habe im ersten Semester angefangen zu arbeiten und sofort Jobs gemacht. Ich wollte in meinem Bereich Fuß fassen. Ich habe die Möglichkeit bekommen kontinuierlich zu arbeiten. Ich konnte so sehr viele Erfahrungen sammeln und habe während des Studiums mit zwei Kommilitonen das Magazin Berlin Haushoch entwickelt.

Kannst du uns nochmal das Konzept von Berlin Haushoch erklären.

Das Magazin porträtiert pro Ausgabe immer einen Berliner Stadtteil. Dafür ziehen wir dann mit unserem Designbüro von Stadtteil zu Stadtteil. Die erste Ausgabe war Marzahn. Wir wollten uns nur Ausstellungsflächen in Marzahn anschauen und boom, plötzlich hatten wir einen Magazinschatz und viele Preise gewonnen. Das Konzept stand, also haben wir weiter gemacht und porträtierten drei Bezirke. Nach der Marzahn-Ausgabe sind wir mit unserem Redaktionssitz nach Wedding gezogen, dann nach Charlottenburg und jetzt machen wir Mitte.

Die Charlottenburg-Ausgabe ist super gelaufen und ich wollte noch ein freies, nicht kommerzielles Projekt machen, deswegen entschied ich mich für den Meisterschüler. Wenn du an der UdK ein 1,0 Diplom machst, wird dir der Meisterschüler angeboten, das ist praktisch ein Ph.D. in der Kunst. Seitdem ich den Meisterschüler gemacht habe, habe ich abwechselnd sehr kommerziell und sehr künstlerisch gearbeitet. Ich hab Art-Direktion für große Kunden gemacht, wo ich ich Nächte durchgemacht hab und sehr wenig geschlafen habe. Jetzt mache ich unter anderem auch die künstlerische Leitung einer Grundschule im Tiergarten. Das läuft über zwei Jahre. Ich habe den Namen mit ausgesucht, ich habe bestimmt, wie die Wände angemalt werden. Ich kann mich da kreativ total entfalten. Mit den Kindern zusammenarbeiten ist ein Herzensprojekt, wo ich mir denke: “Geil man, sowas wolltest du schon immer mal machen in Berlin und du gestaltest einfach mal eine Schule.”

Wie bist du zu der Kooperation mit dem Ballhaus gekommen?

Dazu muss ich sagen, meine Mama kommt aus der Türkei und mein Papa ist Deutscher. Ich bin dann durch Zufall an das Theater geraten. Ich bin da rein, völlig verkatert, an einem Samstag. Eine Freundin von mir hat mich mitgeschleppt, ich dachte das geht jetzt gar nicht, habe mich hingesetzt – pling! – bin ich wach geworden und habe mir gedacht: “Nee das gibt ́s nicht, was ist das hier für ́n Ort?”. Ich bin rausgekommen und habe zehn Tickets, für zwei Tage später geholt. Ich habe meine ganze Familie und Freunde mitgenommen. Dann war ich sehr oft da und habe Stücke angeguckt und nach dem dritten Stück habe ich dann Shermin (Anm. d. Red.: Shermin Langhoff ist die Künstlerische Leiterin des Festivals) kennengelernt. Sie meinte: “Ähhh wer bist du, was machst du?” und man kennt sich ja schon irgendwie in Berlin. Sie wusste auch schon was ich mache und meinte dann gleich zu mir: “Ey hast Du nicht Lust hier die Art-Direktion zu machen?”. Ich meinte: ”Klar! Warum nicht? Quatschen wir mal!” Das war vor vier oder fünf Monaten und jetzt ist das Ding gedruckt.

Was war die Idee hinter den Bildern für das Festival?

Das Hauptmotiv ist das Bild mit dem Lamm. Da hab ich viel überlegt. Ich war auf der Suche nach einem Symbol, das in unterschiedlichen Kulturen verschiedene Konnotationen hat. Einerseits steht es als Symbol des göttlichen Lamms in der europäischen Kunstgeschichte. In der Türkei werden Lämmer zum Opferfest geschlachtet und es ist normal, dass jeder mal gesehen hat, wie ein Lamm geschlachtet wird. Mit dem toten Lamm greife ich das Lamm als Symbol für die Malerei auf. Es ging mir erstmal ums Hauptmotiv. Ich suche mir immer erstmal ein Hauptmotiv und gehe dann davon aus den Rest zu kreieren.

Es ist sowieso meine Stilistik, weil ich aus der Malerei komme, die Sachen vorher zu zeichnen. Meine Bilder und Fotografien sind malerisch. Im Islam ist es so, dass man keine Abbilder vom Menschen schaffen darf, aus Respekt vor Gott. Deshalb arbeiten sie auch viel mit Mosaiken und haben eine ganz andere Kunstgeschichte. Wenn man sich die Kunstszene in Istanbul anguckt – ich war oft in Istanbul in den letzten Monaten – habe ich das Gefühl sie ist einige Jahre zurück. Für die Strecke im Ballhaus erschuf ich Bilder mit der Bildsprache der westlichen Kunst-geschichte und mit türkischen Elementen. Das Bild vom Lamm und Sesede ist kontrovers für beide Seiten. Gleichzeitig erlebe ich, dass das Bild schön gefunden wird, weil es ästhetisch ist, weil man das Gefühl hat man kennt das Bild, es hat etwas Ikonographisches. Genau dort ist dieser Bruch und deshalb kommt eine Kommunikation zwischen den Betrachtern zustande. Es ist es eine konzeptionelle Arbeit. Auf der Kernidee basieren alle Fotos. Gestern war meine Vernissage, die Bilder sind alle ausbelichtet und gerahmt im Theater, die Druckerzeugnisse sind geliefert und das Festival hat endlich angefangen und ich kann mich jetzt zurücklehnen und wie am Anfang als Zuschauer die Inszenierungen genießen.

Vom 31.8 bis zum 31.10 kann man sich die Bilder im Ballhaus in der Naunystraße 27 ansehen.

Interview Moritz Stellmacher

Esra Rotthoff – esrarotthoff.com

Almancı! 50 JAHRE SCHEINEHE feiert und reflektiert das Ballhaus Naunynstraße zum Auftakt der Spielzeit 2011/2012 – das 50-jährige Jubiläum des Anwerbeabkommens mit der Türkei. Eröffnet wird das Festival am 31. August mit Lukas Langhoffs Inszenierung “Pauschalreise – Die 1. Generation”. Esra Rotthoff hat für das 50-jährige Jubiläum fast alle Motive geschossen. Auch das Coverbild (Motiv der Inszenierung “Pauschalreise – Die 1. Geneartion”) ist von ihr. Außerdem wird es mit “GEGEN DIE LEINWÄNDE” ein Panorama aus fünfzig Filmen deutsch-türkischen Filmschaffens geben.

Programm (Auswahl):

Pauschalreise – DIE 1. GENERATION

Ein fiktiver Text für reale Menschen von Hakan Savas Mican Premiere 31.8.2011, 20 Uhr

Weitere Vorstellungen 1.9.2011 und 7.–10.9.2011, 20 Uhr

GEGEN DIE LEINWÄNDE: Gül Hasan / Hasan the Rose

SW/TR 1979, 82 min, omU Regie: Tuncel Kurtiz

Mit: Tuncel Kurtiz, Müjdat Gezen, Yaman Okay, Nuri Sezer

Produktion: Nuri Sezer, Tuncel Kurtiz 5.9.2011, 18 Uhr, Eiszeit-Kino

VIBRATIONSHINTERGRUND: freitext- special

Literarische Erinnerungen und Fortschreibungen, Lesung mit anschließender Lounge

16.9.2011, 22 Uhr

KAHVEHANE RELOADED Turkish Delight – German Fright*

Ein Theaterparcours mit Mini-Inszenierungen in anatolischen Kaffeehäu-sern in und um die Naunynstraße 21.–23.9.2011, 15.30–20.30 Uhr 24. und 25.9.2011, 11.30–16.30 Uhr

Start alle 30 Minuten am Ballhaus

Moritz Stellmacher

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