Berlin von „Sincity” zu einer „Juppy-Anarchie”

von Diar Yousef



Es ist Samstag Nacht, ca. 2 Uhr, tiefster Osten, gefühlte 0 Grad und im Umkreis von mehreren Kilometern: Nichts (außer einer Tankstelle). Für viele ist es die lang ersehnte Elektro- Party, vor dem Club erstreckt sich eine Schlange von über 20 Metern, die nur schleppend voran geht…

Minuten wurden zu Stunden, Sekun- den zu Minuten und Augenblicke zu Tagen…

Als sie beim Türsteher angekommen waren, heisst es nur: „Vorsicht Ghetto!”

„Du kommst hier nicht rein, du siehst zu Ghetto aus…Und außerdem siehst du zu jung aus!” Die Frage ist nur, wie Ghetto kann ein Kerl in einer Röhrenjeans, einem hautengen lila T-Shirt und rötlichen kurzen Haaren aussehen. Obwohl die Karte im VVK gekauft wurde und er deutlich seinen Perso vorgezeigte, auf dem steht, dass er 25 ist, verwehrte man ihm ohne weitere Begründung den Eintritt.
Da war der Schalter umgelegt und das Ghettokind sprudelte nur so vor Mitteilungsbedürfnis: „Ghetto??? War es nicht genau dieser ‘Kiez/- Ghettocharakter’, der euch so gereizt hat, als ihr unsere Stadt übernommen und transformiert habt???“ Natürlich ist es ein ausschlaggebender Charakterzug der Städte, dass sie
ständig in Bewegung sind, sich konstanten Veränderungen unterziehen, nie schlafen und während des Zu -und Abzugs verschiedenster Bevölkerungsgruppen ihren Wandel vollziehen…

Genauso natürlich ist das Phänomen, dass Unterdrückung Widerstand erzeugt. Und das Produkt dieses demografischen Wandels im Falle Kreuzberg ist nunmal eine homogene Szenemeute, höhere Lebenskosten, Verlust der Individualität des Bezirkes und ein schleichender Bevölkerungsaustausch. Die einzige Hoffung für eine mögliche Rückeroberung bleibt der Fakt, dass mit dem Abzug des „alten Eisens” der Bezirk gleichzeitig an Charakter verliert und das Flair, welches der „melting pot” Kreuzberg über Generationen kreiert hat, langsam aber sicher verschwinden wird und Schlagzeilen wie: „Schicke Lofts ohne Käufer“, „gähnen- de Leere in der Sandwichfiliale” werden die Runde machen.
„Anti-establishment” trifft auf eine ge- zielte ökonomische Aufwertung und kulturelle Umwertung!!! Der Kiez trifft auf Kiezbewunderer, aber seit wann übernehmen die Fans die Show?
Doch die Spucke für diese Rede sparte sich das „Ghettokind” und anstatt
zu versuchen einem alten Hund neue Tricks beizubringen antworte er den Türstehern einfach kurz und knackig: „Wir sehen uns noch…!”
Zurück vor dem Club konnte man beobacheten, wie alles Menschenähnli- che, in einer Altersgruppe von 12 bis 60, aus dem Club ein- und ausstolzier- te, während an der Schlange ein paar feenähnliche Gestalten mit Pupillen, so groß wie Plattenteller, an den Türt- stehern vorbei schwebten. Ein paar Jägermeister später setzte dann auch bei dem „Ghettokind” die kreative, kriminelle Energie wieder ein… Nach einer Glitzerdusche, einer odentlichen Ladung Farbe im Gesicht und einem improvisierten Bad-Taste-Styling ta- kelte auch unser Ghettokind an den Türstehern vorbei, ab in den Club! Die Party war es zwar nicht Wert, aber dafür die Story.

Und die Moral von der Geschicht: Glitzer hat man oder nicht…

Erfahrungsbericht eines Einheimischen: Fremd im eigenen Kiez.

Text Diar Yousef

Diar Yousef

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