#26 Last Word by Nina Schönn

von NinaSchoenn


Wo kämen wir hin, wenn alle sagten: Wo kämen wir hin – und niemand ginge, um einmal nachzuschauen, wohin man käme, wenn man ginge…

+++Roma Jungs gehen in Neukölln auf den Strich+++DAX stürzt ins bodenlose+++London brennt+++Revolution in Spanien+++Homosexualität kann behandelt werden+++Amy Winehouse ist tot+++Facebook wird vernichtet+++Athener lassen das Hakenkreuz wieder aufleben+++China verbietet Filme über die Landesvergangenheit+++Dieser Sommer ist zum Kotzen+++

Dahin sind wir also gekommen, sagen mir meine abonnierten Facebook- RSS’s. Schlechte Nachrichten, die haben wir normalerweise 9 Monate im Jahr, von September bis Mai und dazwischen liegt das Sommerloch. Monate, in denen man nicht auf dem neuesten Stand sein muss, um auf dem neusten Stand zu sein. In denen auf Titelseiten verkündet wird, dass die Tomate ursprünglich aus Peru, und nicht wie vorher angenommen, aus keine Ahnung woher stammt, dass es jetzt Leckerlies gibt, die Hund und Mensch gleichermaßen bekommen. Oder dass eine Sportlerin sich einen Penis hat anbauen lassen. Aber dieses Jahr hatten wir nicht frei. Wir mussten uns mit Aktienkursen und Arbeitslosigkeit auseinandersetzen, anstatt über Alltagsallerlei herzuziehen.

Es fehlten nicht nur Geschichten, die beim Grillabend lustig mit Freunden auseinandergenommen werden konnten, ohne in einer aggressiven Politik-Diskussion über das Nazi-Regime zu enden, es fehlten auch die Grillabende. Es fehlte das erfrischende Freiheitsgefühl beim Klippenspringen. Es fehlte das beruhigend warme Erfolgsgefühl nach einem Tag im Park, ohne was getan zu haben. Es fehlte: Die Sonne. Vielleicht hatten die Journalisten zu viel zu tun, als dass sie ihr Abendbrot aufessen konnten… oder ich habe die Sonne einfach verpasst, während ich der Computerstimme von Anonymus lauschte und überlegte, wie die Welt wohl nach dem 5. November aussieht. Vielleicht wäre es der Monat mit der größten Selbstmordrate, seit es Statistiken gibt, vielleicht würde ich nie wieder mit 97,3 % meiner gesammelten Freunde reden, vielleicht könnte ich dann aber das Sommerleben nachholen – ohne die gemeinen RSS-Feeds, die mir vor Augen halten, was ich alles nicht weiß, wenn ich einfach ausschalte und abschalte. Ich könnte originale Tomaten aus Peru probieren, mich mit Hunde-Leckerlies vollstopfen und das neue Körperteil von Balian Buschbaum begutachten.

Aber im November bin ich bereit für Input. Der abonnierte Spam voll Weltleiden würde mir in dieser deprimierenden Jahreszeit fehlen. Nach unfriedlichen Diskussionen über die Entstehung des Börsencrashs und die Wahrscheinlichkeit, dass Facebook bald Geschichte ist, bin ich zu dem Entschluss gekommen, dass die Anonymus-Gemeinde sich nicht nur ein dummes Datum für ihre Aktion überlegte, sondern auch, dass all meine Kopf-Szenarien umsonst waren. Ohne Pros und Kontras aufzuführen: Anonymus wird’s nicht bringen. Denn wo kämen wir hin, wenn jemand gegangen wäre, und keine Plattform hätte, um den anderen zu sagen, wo man hinkommen würde, wenn man ginge…

Und jetzt, da alles geklärt ist, wird mir bewusst: Die Journalisten essen gar nicht mehr.

Nina Schönn

NinaSchoenn

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