iPhone repair kit

von Miron Tenenberg


iphone –  Soberdose with the Apple iphone Repair Kid


Große Augen, ein zustimmendes Nicken. Ich werde bald auch zum Club gehören. Die Clubmarke stets am Ohr. „Ein iPhone ist kein Telefon, es ist ein iPhone!“ Obwohl ich den ganzen Rummel noch nicht ganz verstehe, weiß ich, dass ich mich jetzt korrigieren muss: Das iPhone trage ich natürlich nicht die ganze Zeit am Ohr, ich wische die ganze Zeit mit meinen Fingern auf dem Display herum, lasse es lässig in meiner Hand liegen, auch wenn ich gerade vom Wocheneinkauf mit sechs vollen Tüten vom Discounter komme. Bald schaue auch ich die ganze Zeit auf mein Telefon, weil es ja kein Telefon ist, sondern ein iPhone.Ehrlich gesagt will ich diesen Hype nicht verstehen. Ich bin wohl der letzte Mensch, der neue Erfindungen nicht am liebsten gleich ausprobieren und besitzen möchte, aber das iPhone ist mir bis heute egal. Nerdtum hat eben nichts mit iPhones zu tun, die sind Mainstream. Mich hat diese riesige Telefonflunder nie sonderlich angelacht. Die Kamera ist schlecht, die Menüs wirklich kein Stück intuitiv und die Tasten treffe ich beim Nachrichtenschreiben auch nicht korrekt. Zudem werde ich auch ohne das Ding ständig mit den neuen tollen und vor allem nutzlosen Apps in Gesprächen zugemüllt. Gespräche, die ich nie führen wollte und die ich mir auch bei aller positiver Betrachtung lieber hätte sparen wollen. Im iPhone bündelt sich das deutsche Kleingärtnertum der elektronischen Gadgets.

Mir geht der gesamte AppleHype ohnehin auf den Keks. Apple hat einen miserablen Kundendienst, die Produkte waren in letzter Zeit Schrott und die ersten Generationen der Geräte sind so fehlerbeladen, dass mir klar wird, warum die Leute anfangen zu heulen, sobald sie ihr AppleGerät am Tag des Releases in der Hand halten. Trotzdem tippe ich diesen Text gerade in mein MacBook. Es gibt einfach keine Alternative zur Alternative. Windows geht nicht. Punkt. Linux versteht kein normaler Mensch und wenn man sich dennoch darauf einlässt, dann funktioniert es nicht. Wie sehr sehne ich mich nach der Zeit, dass Computer wie auf dem Raumschiff Enterprise funktionieren. Du verlangst etwas vom dem und er gibt Dir auf Anhieb was Du wolltest. Kein Suchen, Laden, Scrollen, Haken, nochmals Suchen. Der Computer als verlängerter Arm des Menschen. Homo iSapiens.

Und genau so soll das iPhone angeblich wirken. Ich komme dazu, wie die Jungfrau zum Kind. Meine Ex kümmert sich nämlich nicht um die Pflege ihrer Technik. So kam ich schon relativ oft zu AppleProdukten ohne etwas dafür tun zu müssen, außer höchstens die Garantie einzufordern. Sie bekommt ihrerseits von ihrem Ex seine alten AppleSachen geschenkt, weil er gerne up to date bleibt. Die moderne Version des Auftragens der Nietenhose also.

Dieses Mal fällt ihr das 3G in die Toilette. Keine vier Wochen besitzt sie das Gerät und keiner weiß, wie sie das schaffen konnte, aber seitdem ist der Touchsensor hin. Gerät kaputt, ihr egal. Es soll nun in ihrer Ecke verrotten. Da mein Handy blöder weise nach Jahren der intensiven Nutzung auch langsam den Geist aufgibt, nehme ich mich der Wasserleiche an. Erst beim Kundendienst einen auf hilflos gemacht, aber die Feuchtigkeitssticker im Gerät entlarven meinen Plan. Reparatur macht etwa 200 Euro aus. Schade, aber dann eben Plan B: Selber reparieren!

Die Ersatzteile bestelle ich mir für schlappe 30 Euro im Internet, Werkzeug inklusive. Die Reparaturanleitung gibt es auf youtube. Hätte ich früher gewusst, dass es sogar die Garantiesticker und Feuchtigkeitssensoren zum Nachkaufen gibt, dann wäre das Telefon erfolgreicher vom Kundenservice zurück gekommen. So geht’s also ans lustige Basteln. Ich gehöre jetzt wenigstens dem geheimen Kreis derer an, die autonom am iPhone herumdoktern. Es gibt ja immerhin eine riesige Szene von Leuten, die sich unendlich Gedanken machen, wie sie die Netzsperren umgehen können und diese jailbreaken und blackrainen was das Zeug hält. Ich halte es aber nicht so sehr mit Softwaremodulierung, sondern schraube lieber am Metall herum. Her mit dem magnetischen Schraubendreher!

Das Reparaturvideo beginnt auch gleich mit einer bildschirmfüllenden Warnung, dass bei Befolgung dieser Anleitung die Garantie gefährdet wird. Das wird sie auch mit Ablage des Telefons in der Toilette. Dieses Video gelte einzig und alleine der Unterhaltung. Ich sehe bildlich die iPhoneonistas, wie sie sich zum Spaß anschauen, was in ihrem Gerät steckt.

Das erste Problem für mich besteht jedoch darin, das iPhone zu öffnen. Das Hebelwerkzeug passt zwar, nur so einfach lässt sich mein Telefon nicht öffnen, wie es im OnlineStream vorgeführt wird. Ich ziehe das Tool an mehreren Stellen am vorderen, unteren Rand hin und her, bis ich die Gummi abdichtung herauspopele. Nur sollte das eben nicht passieren. Irgendwie schaffe ich es doch das Teil zu öffnen und jetzt geht es ans Eingemachte.

Aber es ist ziemlich easy. Die Stecker sind nummeriert und Schrauben nach Zahlen ist nun wirklich keine Hürde. Erst, als ich mit einem Föhn die Klebeverbindung des Plastikrahmens mit dem Touchpanel lösen soll, wird es problematisch. Immerhin habe ich das noch nie gemacht und ich scheine zu viel Kraft und zu wenig Wärme zu transferieren. Ich ziehe, biege und zerre. Der Frame sieht aus wie ein Beißring. Egal, neue Klebestreifen anbringen und das neue Panel langsam, aber fest andrücken. Jetzt geht es in umgekehrter Reihenfolge mit den Schrauben los. 3, 2, 1 – meins. Alle Verbindungen stehen, alle Schrauben sind drin und…

…rien ne va plus. Das Touchpanel funktioniert immer noch nicht und zusätzlich habe ich bei den Reparaturarbeiten das LEDDisplay zerhauen. Traumhaft. Das war’s also mit meinem Wunsch ein funktionierendes Handy zu erhalten und gleichzeitig die Eintrittskarte zur Welt des Zeitgeistes in der Hand zu haben. Nun werde ich nicht wissen, ob es vielleicht das iPhone wäre, dass mir zeigt, dass Computer das machen was ich will. Das iPhone hätte mich auf die Enterprise beamen können. Jetzt wird mich mein kaputtes Nokia einfach weiter durch die Welt schleifen. Durch eine Welt in der ich mich fragen muss, ob mir das nötige Zeug fehlt, um das Musthave der heutigen Zeit mein Eigen nennen zu dürfen. Ich bleibe einfach der Typ, der mit angestrengtem Blick seine Tüten vom Wocheneinkauf nach Hause trägt. Die anderen schweben leicht an mir vorbei und haben eine App, die sich um den Rest kümmert.


Text Miron Tenenberg

Miron Tenenberg

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